Denkmuster machen uns sowohl „fit fürs Leben“ als auch „betriebsblind“

Wenn es um die eigenen Gedanken und Emotionen geht, sind wir oft betriebsblind. Man sieht zwar das Ergebnis des Denkprozesses, aber nicht den Weg, der einen dahin gebracht hat. Denkprozesse laufen in vielen Fällen automatisch nach einem Muster ab und entziehen sich damit der eigenen Aufmerksamkeit.

Fertigkeiten wie eine neue Sprache, eine neue Sportart oder Autofahren erlernt man über Theorie, Beobachtung, Ausprobieren, Evaluieren und Training. Danach laufen sie wie automatisch ab. Bei Entscheidungsprozessen werden zum Beispiel automatisch die Erfahrungen der Vergangenheit mit möglichen zukünftigen Szenarien verglichen und evaluiert, d.h. wir nutzen Routinen, um in begrenzter Zeit zu einem lebenspraktischen Ergebnis zu kommen.

Diese erworbenen Routinen sind notwendig, denn sie optimieren die Nutzung unserer mentalen Kapazität. Automatisiertes Denken ist wertvoll und notwendig, um in einer komplexen Umwelt entscheidungs- und handlungsfähig zu sein.

Dazu zwei Beispiele die automatische, unbewusste Denkprozesse veranschaulichen:

Prozesse, die beim Autofahren automatisch ablaufen – notwendig für effektive Aufmerksamkeitssteuerung und Reaktionsfähigkeit

Beim Autofahren laufen ständig automatisierte Denkprozesse ab. Schon nach einigen gefahrenen Kilometern kann man sich an die meisten kurz vorher erlebten Verkehrssituationen nicht mehr erinnern – obwohl sie im entscheidenden Moment bewusst wahrgenommen wurden. Mit „Ausprobieren“ und „Nachdenken“ wäre das schnelle Wechselspiel von Sinneseindrücken, Kupplung, Gas, Bremse, Lenkung …und dabei Telefonieren nicht möglich. Und auch Überzeugungen wie „Vorurteile“ werden ständig sinnvoll eingesetzt, z.B. dass LKW selten über 100 km/h fahren. Der heutige Straßenverkehr wäre vor 100 Jahren wortwörtlich „undenkbar“ gewesen.

Bauchentscheidungen, Intuition, Faustregeln und Heuristiken – geeignete Entscheidungsprozesse, wenn Zeit und Information begrenzt sind und die Zukunft ungewiss ist

Problemstellungen mit hochkomplexen Sachverhalten können häufig mit wenigen Fakten und geeignetem Erfahrungswissen schnell und qualifiziert evaluiert werden. Je nach Situation und Fragestellung sind unterschiedliche Entscheidungsfindungsprozesse möglich, die streng analytischen, logisch-rationalen Modellen überlegen sind¹. Effektivität ist hier wichtiger als Perfektionismus.

Denkmuster unterstützen uns dabei, mit begrenzten Ressourcen und in begrenzter Zeit bestmögliche Ergebnisse zu erzielen. Dieser Vorteil wird durch die Standardisierung und Automatisierung von Denkprozessen erreicht. Der Nachteil der Automatisierung besteht darin, dass die Prozesse auch dann automatisch und oft unbewusst ablaufen, wenn sie nicht - oder nicht mehr - effektiv oder situationsgerecht sind.

Warum sind ineffektive Denkmuster schwer zu verändern?

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1 Vgl. Gerd Gigerenzer: Bauchentscheidungen - Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition